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24.03.2016 14:56
Kategorie: Volkshochschule / Rückblicke

VHS-Exkursion nach Verdun: Wo aus einem Schlachtfeld Europa wächst. Pressemitteilung vom 09.11.2018


Da steigen 16 Deutsche auf dem Schlachtfeld von Verdun aus ihrem Bus, als sie eine Französin mittleren Alters anspricht: „Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.“ Und Peter Baus, Leiter der VHS-Gruppe aus Rheinbach, Meckenheim, Swisttal und Wachtberg, fährt fort: „Heute, am 22. September 1984, sind der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und der Präsident der französischen Republik in Verdun zusammengekommen, um sich vor den Gräbern der gefallenen Söhne Frankreichs und Deutschlands zu verneigen.“ Beide zitierten die aufeinander folgenden Kernsätze der gemeinsamen Erklärung von Francois Mitterrand und Helmut Kohl, die sich  knapp 30 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs über den Gräbern von Verdun die Hände reichten.

VHS-Exkursionsteilnehmer

 

Diese kurze Begegnung war ein Höhepunkt dieser Bildungsreise im Rahme der VHS-Reihe „Erinnern für die Zukunft“. Seit vier Jahren beschäftigt sie sich insbesondere mit den Ereignissen und Wirkungen des 1. Weltkriegs und wird 2019 den Ausbruch des 2. Weltkriegs begleiten. Die abschließende Exkursion nach Verdun erfolgte noch bei strahlendblauem Herbsthimmel durch eine auf den ersten Blick idyllische Wald- und Wiesenlandschaft am Ostufer der properen Kleinstadt an der Maas. Angesichts des touristischen „Erlebniswerts“ auf einem der blutigsten Schlachtfelder Europas eine durchaus  verstörende Fülle von Eindrücken. Es ist der Erzählweise des erfahrenen und einfühlsamen Reiseleiters aus Rheinbach zu verdanken, dass die Balance gehalten wurde zwischen der Erinnerung an den von Historikern als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ eingestuften Krieg und dem heutigen Erleben von Land und Leuten in einem Europa des Friedens. Und so addierten sich über die zwei Tage in Verdun die Schilderungen des immer noch vor Ort ablesbaren Grauens, der dem Schlachten folgenden literarischen Aufarbeitung und die Mythenbildung auf beiden Seiten schon vor dem Versailler Friedensvertrag. Unübersehbar ist der Wegweisung, den die Schlacht um Verdun und das Geschehen danach für die Herausbildung der deutsch-französischen Freundschaft und die Vereinigung der europäischen Nachbarländer - nach einem weiteren Weltkrieg auf europäischem Boden.

Das Beinhaus von Verdun (Foto: P. Baus)

 

Auf der Hinfahrt hatte Peter Baus die grundlegenden politisch-historischen Fakten und militärisches „Basiswissen“ komprimiert und verständlich erläutert, hatte erklärt, warum das deutsche Militär ausgerechnet die mehr als 40 nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 rund um Verdun errichteten Festungswerke an den Hängen und auf den Höhen der Côtes Lorraines unter schwersten Verlusten stürmen wollten. Greifbar wurde das Geschehen beim Besuch eines kleineren, unzerstörten Festungswerks, der von einem Geschichtsverein unterhaltenen und sorgfältig original ausgestatteten Ouvrage de la Falouse. Von den nach einfachen Soldaten und Offizieren getrennten Latrinen über die mit Mehrfachbetten ausgestatteten unterirdischen Schlafsäle, den Verbandsraum, die Küche, den Befehlstand des Kommandanten bis hin zu den dreh- und versenkbaren Geschütz- und Maschinengewehrtürmen – alles schien wie gestern erst verlassen. Wobei die uniformierten Figuren in den Räumen und Gängen authentisches 1916er Feeling vermittelten.

Die Gedenkstätte Montfaucon (Foto: P. Baus)

 

Der Schritt aus dieser fast unwirklichen Puppenhausatmosphäre hinüber zum Beinhaus von Douaumont machte die VHS-Gruppe zunächst fast sprachlos. Dort werden die Gebeine von mehr als 130.000 nicht identifizierten Soldaten aufbewahrt, Gebeine wie Schüttgut, Überreste der Soldaten, die von ihren militärischen Führern in die Schlacht geworfen wurden. Das Kalkül dahinter: den jeweiligen Feind durch die Verluste an Menschen und Material zu erschöpfen. Im Beinhaus liegen Franzosen wie Deutsche. Zu dieser nationale Grab- und Gedenkstätte Frankreichs gehört das große Gräberfeld mit  16.142 Gräbern französischer Soldaten - mit Kreuzen, mit Stelen für die muslimischen Kolonialsoldaten und Davidsternen für die jüdischen Gefallenen. Sie alle starben nicht den propagandistisch überhöhten Heldentod im ritterlichen Zweikampf, sondern wurden durchsiebt vom pausenlos niedergehenden Splittern des „Stahlgewitters“. Mit diesem Wort beschrieb der Schriftsteller Ernst Jünger nüchtern distanziert das technisierte Morden mit Millionen Artilleriegeschossen und mit Giftgasgranaten.


Die bis heute wirkende französische Kolonialgeschichte zeigte sich den VHS-Reisenden, als eine größere multiethnische Gruppe junger Soldatinnen und Soldaten den Gefallenen an dieser Gedenkstätte die Ehre erwiesen. Diese Tradition gehört zu den großen Unterschieden in der Erinnerungskultur, wie Peter Baus ausführte. Während Franzosen und ihre alliierten Verbündeten bis heute die Erinnerung an diesen Krieg mit enormen Aufwand und transatlantischer Teilnahme an den regelmäßigen Gedenkfeiern wach halten, sind die Jahre 1914-1918, in denen fast ausschließlich auf „feindlichem Boden“ außerhalb Deutschlands gekämpft wurde, in Deutschland allenfalls Thema von Historikern und der im Verband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge aktiven Menschen. Und dennoch – in der Literatur hat die Erinnerung einen festen Anker, wie Baus und die VHS-Direktorin Barbara Hausmanns bei erschütternden Leseproben immer wieder deutlich machten, für die Ernst Kästners Gedicht  „Verdun, viele Jahre später“ beispielhaft genannt sei: „Über die Schlachtfelder von Verdun laufen mit Schaufeln bewaffnete Christen, kehren Rippen und Köpfe zusammen und verfrachten die Helden in Kisten.“ Der Dichter endet: „Zwischen Ähren und gelben Blumen, zwischen Unterholz und Farnen greifen Hände aus dem Boden, um die Lebenden zu warnen… Habt ein besseres Gedächtnis!"
In diesem Sinne besuchte die VHS-Gruppe einen der drei deutschen Soldatenfriedhöfe, wo unter jedem Kreuz bis zu 4 Gefallene beigesetzt sind. Und auch das beeindruckende, multimediale Museum zur zehnmonatigen Schlacht, das in Sichtweite des Beinhauses gelegene Mémorial de Verdun, verkörpert die Mahnung, nie wieder in die Zeit der „Erbfeindschaft“ zurückzufallen. Eindrücklich und voller Zwiesprache gestaltete sich auch die Wanderung vom Gräberfeld entlang der Schützengräben, Artilleriestellungen und zerrissenen Überreste von Befestigungswerken wie dem Thiaumont über den Höhenrücken zum Zwischenwerk Froideterre - Kalte Erde - durch einen Wald, der als Teil deutscher Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrag heute wieder die damals baumlos zerschmetterten Hügel und Täler bedeckt und dennoch die pockennarbig zerschmetterte Oberflächestruktur nicht verdeckt. Zu ergreifenden, geradezu intimen Minuten wurde das Gedenken an der von dem Rheinbacher Künstler Pater Ludwig geschaffenen Bronzegruppe "Les Adieux". Sie durfte im lange dem französischen Gedenken vorbehaltenen Fort Douaumont vor einem zugemauerten Lagerraum im, der heute ein deutscher Soldatenfriedhof ist, am 17. Mai 2013 in Anwesenheit von Bürgermeister Stephan Raetz aufgestellt werden. Hinter dieser Mauer haben damals mehr als 650 Soldaten ihr Grab gefunden, die bei einer verheerenden Explosion im Fort am 8. Mai 1916 gestorben waren. Heute wehen über dem Fort neben der Tricolore auch die deutsche und die europäische Fahne.







 

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